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Hoffnungsvolle Melancholie – Zum Tod des Lyrikers Fred Kahl


Juli 2017

In der Lyrik geht es immer um Verluste und der Lyriker geht auf Spurensuche. So behauptete es Fred Kahl anlässlich seiner letzten Lesung im Raabe-Haus Literaturzentrum Braunschweig am 5. Juni 2016 im Rahmen der Reihe „Federleicht“ der Arbeitsgruppe Literatur der Braunschweigischen Landschaft. Das gemeinsame Hörbuch "LES-ART Braunschweigische Stimmen" von 2009 mit gelesenen Texten von 14 Autorinnen und Autoren der Region hatte Kahl als Projektleiter maßgeblich initiiert, umgesetzt und verantwortet. Als Literarische Visitenkarte Nr. 6 erschien 2004 sein Gedichtband "still unsung - jahreszeiten zeit:punkt" im Appelhans Verlag: Melancholisch, aber nicht ohne Hoffnungsstreif, dabei manchmal hart und knapp, manchmal liedhaft melodisch, verführen die Gedichte von Fred Kahl zur Positionsbestimmung: Wer bin ich, wohin gehe ich, was ist meine Wahrheit? Der kunstvoll gestellten, scheinbar so leicht zu beantwortenden Frage nach dem Ich jenseits der Alltagsbilder folgt der Autor in zwei Sprachwelten - in deutscher und englischer Sprache, in noch ungesungenen Liedern - unsung - und pointierten Wortschlaglichtern. Dabei tauchen aus dem mäandrierenden Fluss der (Jahres)Zeiten immer wieder Momente des Erkennens und Entscheidens auf: zeit:punkte des Verstehens.


Beeindruckt haben stets seine "dedicated poems", verkannten Genies zugedachte Verse, z.B. an Jazzmusiker, Beat-Poeten und andere Größen abseits des mainstream, denen sich der Autor nahe fühlte. Fred Kahl wurde 1951 in Schwicheldt, Landkreis Peine geboren, arbeitete als Realschullehrer und war literarisch tätig als Übersetzer lyrischer Texte aus dem Englischen. Zuletzt vertreten mit Lyrik in der Zeitschrift "Poesiealbum neu Alles fließt.  Gedichte zur Bewegung" 2015. Der stille Dichter war einer der begabtesten der Braunschweigischen Literatur AG, und wenn jemand sein Talent hätte, wäre der Nachruf als "dedicated poem" in seinem Stil angemessen. Fred Kahl starb am 12. Juli 2017 66jährig nach langer Krankheit. Wir vermissen ihn.





Weißwasser und Zimmerpflanzen
 - Kirsten Döbler und Helga Thiele-Messow lesen im Raabe-Haus "Von Liebe und Tod"


Januar 2017
Im Rahmen ihrer ersten FEDERLEICHT-Lesung 2017 im Raabehaus Literaturzentrum Braunschweig stellte die Autorengruppe der Braunschweigischen Landschaft e.V. am 8. Januar wieder eigene Texte vor – diesmal erzählten Kirsten Döbler und Helga Thiele-Messow  "Von Liebe und Tod".


Döblers neue Novelle "Weißwasser" handelt vom rechten Augenblick oder der günstigsten Gelegenheit, Kairos in der griechischen Mythologie: Ein 70jähriger, der alles erreicht und beschlossen hat, aus dem Leben zu scheiden, bevor er dem Pflegepersonal auf die Finger sabbert, erinnert seine Gattin vor der traumhaften Kulisse der Kanareninsel Gomera an ihr dereinstiges Versprechen ihn zu begleiten, wenn es so weit sei. In sehr schönen Bildern und mit noch schönerer Sprache konfrontiert die Autorin ihre Hörer und Leser mit einer Thematik, die alles andere als schön ist. Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen und wie reagiert der Partner, der nicht mehr Lebensgefährte, sondern Begleitpersonal werden soll? (epubli Verlag, Berlin 2016, 102 S., 6,90 € - ISBN 978-3-7418-2928-4 oder E-Book 0,99 €).

 

 

Helga Thiele-Messow, die neue eigene Kurzerzählungen vorstellte, war eher für den Part Liebe zuständig und las drei Texte: Von einem letzten Dating-Versuch bei einem politischen Kabarett, bei dem es u.a. um die Frage geht, was man wählen würde:  10 x unglaublichen Sex oder 10 x wohltuende Rücken-Massage? Da kann man ebenso wenig zusammen kommen wie in der – von Martensteins ZEIT-magazin-Kolumnen angeregten – Glosse über "Zimmerpflanzen", wenn sich die Auswahl auf Fette Henne, Mottenkönig oder Stachelbeerblüten beschränkt. Nachdenklicher wurde es in dem Text "Vaterliebe", der von abenteuerlichen Lösungsansätzen einer ungewollten Schwangerschaft handelt …, und deren Folgen.


Die FEDERLEICHT-Lesungen im Raabe-Haus – in der Regel jeden ersten Sonntag im Monat um 17 Uhr – erfreuen sich zunehmender Beliebtheit; zum wiederholten Mal war der Saal voll besetzt (Eintritt frei.)
Weitere Termine zum Vormerken finden Sie >>> hier.

Text und Fotos: Dr. Lutz Tantow